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Andy Palacio: "Ein stolzer Garifuna"
Andy Palacio verstarb völlig überraschend am 19. Januar 2008 in seiner Heimat Belize nach einem Schlaganfall. Mit ihm verliert Belize einen der bekanntesten Musiker und die Garifuna einen Kämpfer für ihre Kultur.
Andy Palacio war Angehöriger der Garifuna, einer Minderheit auf Belize, die von westafrikanischen Sklaven abstammt. Garifuna bedeutet wörtlich “Menschen, die Yucca essen”. Egal, ob unter französischer, spanischer oder englischer Herrschaft – den Garfuna gelang es bis heute, eine eigenständige Kultur und Sprache zu bewahren. Die Volksgruppe der Garifuna zählt 120.000 Menschen plus 50.000 in den USA.
Ihre Sprache wird als “Igñeri” bezeichnet und ist eine Sprache, die sich aus Yoruba-Elementen, französischen, englischen und spanischen Bestandteilen zusammenfügt. Ebenso vielschichtig ihre musikalischen Traditionen, die bekanntesten unter ihnen Paranda, Brukdown und Punta. Sie gehen einerseits auf die Überlieferung westafrikanischer Kulte zurück – so findet man in der Punta Call & Response- Schemata und die Bewegungen des Werbetanzes. Indianische Einflüsse sind jedoch auch nicht von der Hand zu weisen, und neben den Trommeln und Perkussionsinstrumenten, siedelt die von den Spaniern adaptierte Gitarre in den Garifuna-Liedern. Textlich unterscheiden sich die Garifuna-Genres erheblich: Im Brukdown werden satirisch Alltagserlebnisse aufs Korn genommen, im Paranda geht es eher um kritische Kommentare zu geschichtlichen und sozialen Ereignissen.
Obwohl die Garifuna im heutigen Belize vorrangig als Fischer und Arbeiter auf Bananenfarmen nur 7 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen, ist ihre Kultur die wohl bekannteste dieses kleinen Landes. Ihr bis heute einziger weltweit bekannter Vertreter war Andy Palacio, der sich durch ein besonderes Erlebnis im Nachbarland Nicaragua als 18jähriger entschlossen hatte, die verdorrenden Wurzeln seiner Kultur mit neuem Nährstoff zu versorgen. Er war einem alten Garifuna-Mann begegnet, der der festen Überzeugung war, mit seinem Ableben würde die Sprache des afrokaribischen Volkes verloren gehen. Doch dann begrüßte ihn sein junger Bruder aus Belize in der gleichen Zunge. Andy erkannte in diesem Moment, dass es seines Engagements bedurfte, um die Garifuna-Kultur am Leben zu erhalten.
Palacio stammte aus der südlichsten Garifuna-Siedlung Belizes, Barranco, wo er mit der typischen Mestizo-Kultur aufwuchs, die neben den Färbungen Afrikas auch die der Maya-Nachfahren kennt. Zunächst absolvierte er eine Ausbildung zum Lehrer, machte aber nebenbei auch schon von seinen Gitarrenkünsten Gebrauch, legte Talent als Sänger und Songwriter an den Tag . In London erwarb er im Rahmen eines kulturellen Austauschprogramms Kenntnisse für den Aufbau eines Studios, das er Ende der 1980er zurück in der Heimat startete und eine Band um sich scharte. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass Andy Palacio zu dieser Zeit das Gesicht der belizischen Musik für immer verändert hat. Zunächst mischte er als Galionsfigur im Punta-Rock mit – ein Genre, das in den 1970ern als Belizes Gegenstück zum kommerziellen Zouk von den Antillen geprägt wurde, sich an traditioneller Perkussion als Basis anlehnt und diese elektronisch aufmöbelt. Palacio schließlich brachte den Punta-Rock zur Perfektion, produzierte zahlreiche Dancefloor-Hits wie “Bikini Panti”. Als Mitbegründer der Sunrise Records Studios förderte er zugleich das musikalische Erbe ganz Belizes, brachte Platten mit Marimba-Klängen, Maya-Melodien und kreolischem Folk heraus. Für seine eigene Karriere allerdings blieb sein Ziel immer die Neudefinition der Garifuna-Roots.
Entscheidend hierfür wurde das Treffen mit dem Landsmann Ivan Duran, einem katalanischstämmigen Produzenten, der die “soulful side of Garifuna”, ihren simplen Kern neu entdecken wollte, eine Abkehr vom zeitweilig zu synthetisierten Punta-Rock. Erste gemeinsame Früchte der Zusammenarbeit zwischen Andy und Ivan auf dessen Label Stonetree Records – bis heute das einzige in Belize – offenbarten sich auf dem auch hierzulande veröffentlichten Album Keimoun (1995), das die Garifuna-Musik mit kubanischem Kolorit paarte. Auf dem 1997 erschienenen Nachfolger Til Da Mawnin stärkte er die Verbindungen zur Historie der Garifuna in Richtung St. Vincent, mit dabei auch der Africando-Produzent Alejandro Colinas.
Palacio und Duran sammelten eine Gruppe aus langjährigen Sessionkünstlern von Stonetree Records um sich und gründeten das “Garifuna Collective” und spielten zusammen mit dem honduranischen Gitarristen Eduardo Cedeño und der 75jährigen Paranda-Legende Paul Nabor das Album “Watina” ein. Die Genealogie der Lieder ist tief verwurzelt in traditioneller Garifuna-Rhythmik, doch das einfache Ausgangsmaterial wurde mit neuen Arrangements versehen und so der Geist des Traditionellen geschickt in eine zeitgenössische Sprache übertragen. Natürlich waren alle Lieder in Igñeri gesungen, denn die bedrohte Garifuna-Sprache wurde – genau wie der musikalische und rhythmische Fundus des Volkes – schon 2001 von der UNESCO mit einem besonderen Prädikat versehen, als Erbe der Menschheit proklamiert (”Masterpieces o f the Oral and Intangible Heritag e of Humanity”).
Palacio, der zwischenzeitlich auch als Abgesandter des Kulturministeriums von Belize wirkte, hat mit seiner Musik einen wunderbaren Bogen vom Politischen zum beherzten Engagement auf der Bühne und im Studio geschlagen – ein konkreterer Einsatz für die Bewahrung der schwarzen Kultur Belizes lässt sich kaum denken.
Mit dem Album “Wátina“, seinem letzten, heimste Andy Palacio weltweit viele Auszeichnungen ein. Er starb im Alter von 47 Jahren.
In einem Interview im vergangenen Juli antwortete Andy Palacio auf die Frage, als was er den Menschen in Erinnerung bleiben möchte, wenn er einmal gestorben ist: “Als ein stolzer Garifuna (†¦). Das ist für mich das wichtigste.”
Bildrechte: Bugs Steffen (oben) und Exil

